PERSECUTIO
 Hintergrund

Dieser Bereich enthält Hintergrund-Informationen zur aktuellen Situation der bekennenden Christen in EU-Europa und der gegenwärtig stattfindenden Entwicklung und beleuchtet den geistlichen Hintergrund des Geschehens.
 
 Europa: Neue Phase des geistlichen Kampfs

Während der epochalen gesellschaftlichen und geopolitischen Umwälzungen vor allem im europäischen Raum Ende der 80er-Jahre fand, zunächst unbemerkt, mit dem Einrücken vieler Anhänger der "68er-Bewegung" in wichtige gesellschaftliche Machtpositionen ein fundamentaler Wandel im Toleranzverständnis statt: Das vorwiegend christlich geprägte Toleranzverständnis, das einen fairen, engagierten Wettstreit von Weltanschauungen kannte und zwischen einer Person und ihrer Weltanschauung unterscheiden konnte, wich allmählich der sogenannten "neuen Toleranz", die jeden auf das Bekenntnis zur Nichtexistenz einer absoluten Wahrheit verpflichten möchte und letztlich das gesellschaftliche Primat der europäischen Aufklärung und des säkularen Humanismus verbindlich festschreiben möchte.

 "Sekten in Deutschland" in den Massenmedien: Vom "Marsch für Jesus" zum kultischen Suizid

Am 26. Juni 1994, einem sonnigen, heißen Sommertag, kamen ca. 75.000 bis 100.000 (DIE WELT) entschiedene Christen vorwiegend charismatisch-evangelikaler Prägung aus dem gesamten Bundesgebiet in Berlin zum zweiten nationalen "Marsch für Jesus" (Teil einer wenige Jahre zuvor u.a. vom Engländer Graham Kendrick initiierten internationalen Bewegung) zusammen, einem bunten, fröhlichen Proklamations- und Gebetsmarsch von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche durch Charlottenburg zum Olympiastadion, in dem die Abschlußveranstaltung mit immer noch mehr als 50.000 Teilnehmern stattfand, zu deren Höhepunkten das mit gelben Tribünentüchern dargestellte Bekenntnis "Jesus, wir gehören Dir" (als bewußter Kontrapunkt zum Bekenntnis der deutschen Jugend zu Adolf Hitler an gleicher Stelle im Frühjahr 1939) gehörte.

Die Berichterstattung in den Medien beschräkte sich in der Regel auf einen dürren Dreizeiler oder einem 20-Sekunden-Kurzvideo - wenn überhaupt (Die "Kieler Nachrichten" beispielsweise, die damals über nahezu jede Demonstration linker oder rechter Gruppen mit wenigstens einigen hundert Teilnehmern berichtete, erwähnte den "Marsch für Jesus" mit keinem einzigen Wort, und auf mein Nachfragen bei der Redaktion antwortete man mir, daß sie doch "nicht über jede kleine Demonstration irgendwo in Deutschland berichten" könnten).

Im Oktober 1994, also ein gutes Vierteljahr später, machte dafür ein völlig anderes Ereignis Schlagzeilen: Menschen in aller Welt waren entsetzt über den kultischen Massensuizid von Mitgliedern des "Sonnentempelordens" (OTS) in der Schweiz und Kanada, dem noch weitere kultische Massensuizide in derselben Organisation 1995 in Frankreich und 1997 in Kanada folgten.

Dann passierte es: Am 04.05.1995, unmittelbar vor Beginn der aus Leipzig per Satellit in hunderte Orte Deutschlands und Europas übertragenen ProChrist-Evangelisation vom 07.-13.05.1995, erschien in der "Stern"-Ausgabe 19/1995 der verheerende Artikel "Sekten in Deutschland: Beten auf Teufel komm raus" von Christian Krug und Eberhard Wedler, der die Teilnehmer am "Marsch für Jesus" in Berlin 1994 (also auch mich selbst) und darüber hinaus alle entschiedenen Christen, vor allem die charismatisch geprägten, auf eine Stufe mit den in den Jahren davor durch Massensuizide bekanntgewordenen Bewegungen stellte und durch das Prinzip der "Verurteilung durch Assoziation" als "gefährliche Gruppe" stigmatisierte und diskreditierte. Durch eine unappetitliche Skizze, die eine teuflische Fratze hinter einer (schein-)heiligen Maske zeigt, sollte visuell einprägsam dargestellt werden, was man von dieser Gruppe zu halten hat. [...]

Erinnern wir uns an das, was Dr. Thomas Schirrmacher im Interview mit Horst Kreschi vom ERF ( Artikel "Wie Christenverfolgung entstehen kann") sagte:

"Christenverfolgung beginnt normalerweise mit einer Desinformationskampagne. Das war schon bei den alten Römern so, daß die Meinung verbreitet wurde, Christen würden beim Abendmahl Kinder töten. Die Desinformationskampagne geht dann zur Diskriminierung über, d.h. einer sehr starken Benachteiligung in vielen Bereichen des Lebens, und schließlich zu Übergriffen von Seiten des Staates in rechtlicher Weise. Dazu gehören verschiedene Verbote und Verhinderungen. Die schlimmste Stufe ist dann eben, daß es den Christen an Leib und Gut geht".

[...]

Der Guyard-Report vom 22. Dezember 1995 benennt 172 Gruppen als "Sekten", darunter neben zahlreichen nichtchristlichen und häretischen Gruppen sowie destruktiven Kulten auch den pfingstlich-charismatischen Gemeindeverband UAPM ("Union d'Assemblées Protestantes en Mission", früher: "La Vie Chrétienne en France" / VCF) und die Gemeinde "Eglise évangélique de Pentecôte de Besançon" (EEPB), Mitgliedsgemeinde des von ihr gegründeten pfingstkirchlichen Gemeindeverbands FEM ("Fédération évangélique missionnaire"), die nun praktisch auf eine Stufe mit Organisationen wie z.B. die Scientology-Kirche oder die Vereinigungskirche gestellt wurden. Zum Guyard-Bericht schrieb der Leipziger Religionswissenschftler Prof. Hubert Seiwert in der FAZ:

"[...] Man wird den Guyard-Bericht schwerlich als ein Werk ansehen können. das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Das ist offensichtlich auch nicht der Anspruch der Kommission. Bei der schwierigen, aber fast alles entscheidenden Frage, was überhaupt als "Sekte" anzusehen sei, wählt die Kommission keinen wissenschaftlichen. sondern einen "ethischen" Ansatz. Sie sieht eine Bewegung, "die sich als religiös darstellt", dann als "Sekte" an, wenn eines oder mehrere von zehn Kriterien erfüllt sind, darunter die "mentale Destabilisation" der Mitglieder und der Versuch, die öffentlichen Instanzen zu infiltrieren. Der Begriff der Sekte wird damit zu einer rein wertenden Kategorie: Als "Sekte" wird jede religiöse Gruppierung bezeichnet, von der (vermeintlich oder tatsächlich) Gefahren für Individuen oder die Gesellschaft ausgehen.

Offenbar auf der Basis dieser Kriterien wird eine Liste von 172 Sekten vorgelegt, die zur Zeit in Frankreich aktiv seien, allerdings haben nur zehn davon mehr als zweitausend Mitglieder. Als die bei weitem mitgliederstärkste Gruppe werden die Zeugen Jehovas angeführt, die als einzige mehr als zehntausend Mitglieder haben. Der Bericht verzichtet darauf, in jedem Einzelfall die Anwendbarkeit der selbst aufgestellten Kriterien zu belegen. Es kann deshalb nicht nachvollzogen werden, weshalb einzelne Gruppen - wie etwa die der Anthroposophie nahestehende Christengemeinschaft oder einige evangelikale Gruppen - in diese Liste der gefährlichen Sekten aufgenommen wurden.

Die französische Öffentlichkeit reagierte leicht irritiert, als noch vor der Behandlung des Guyard-Berichts in der Nationalversammlung die Französische Vereinigung für Religionssoziologie Anfang Februar in Paris ein internationales Kolloquium veranstaltete und mit heftiger Kritik an dem Kommissionsbericht an die Öffentlichkeit trat. Jean Bauberot, ein angesehener Soziologe am Centre National de Recherche Scientifique, warf der Kommission vor, bei ihrer Arbeit keinen einzigen mit der Thematik befaßten Soziologen oder Religionswissenschaftler gehört zu haben. Der Bericht behandele in falscher und simplifizierender Weise ein höchst komplexes Phänomen, wobei sich die Kommission auf falsche, überholte und unvollständige Informationen stütze. Auf dieser Basis sei eine "schwarze Liste" von Bewegungen erstellt worden, von denen zum großen Teil keinerlei Gefahr ausgehe. Zwar werde nicht bestritten, daß eine kleine Zahl von religiösen Gruppen gegen bestehende Gesetze verstoße. Damit lasse sich jedoch nicht rechtfertigen, daß der Guyard-Bericht Hunderte von religiösen Gruppierungen kriminalisiere. [...]"

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.1996

CESNUR trifft den Nagel auf den Kopf (säkularer Humanismus)

4. Auf der lehrmäßen Seite ist der Report eine Lobeshymne auf das französische Konzept des Laizismus bzw. säkularen Humanismus. Der einzige Weg, Sekten zu bekämpfen, ist, durch das nationale Schul- und Bildungswesen eine "im Wesentlichen säkular-humanistische" Erziehung zu verbreiten.

[...]

6. Die Beobachtungsstelle zeigte trotz ihres Treffens (laut Report) mit vier renommierten Wissenschaftlern kein Interesse daran, zu verstehen, was die "neuen religiösen Bewegungen" wirklich sind und tun. Das Verdikt ist bereits fertig. Sie sind schlecht. Die Beobachtungsstelle (einschließlich einiger extremer "Sektengegner" wie der Psychiater Jean-Marie Abgrall) räumt ein, keine anwendbare Definition des Begriffs "Sekte" zu haben. In der Praxis betrachtet sie die 172 im parlamentarischen Report vom 22.12.1995 aufgeführten Bewegungen als Sekten - und jede andere von ADFI, CCMM oder FECRIS als solche herausgestellte Bewegung (besonders im evangelikalen Bereich, dessen Wachstum als Bedrohung der säkular-humanistischen Ideologie angesehen wird, deren Ausbreitung sich die Beobachtungsstelle verschrieben hat).

Quelle: Dr. Massimo Introvigne, CESNUR
Übersetzung: Torsten Narjes

[...]

 Die Organisation FECRIS

FECRIS (Akronym für "Fédération Européenne des Centres de Recherche et d'Information sur le Sectarisme", zu deutsch: "Europäische Föderation der Zentren für Forschung und Information über das Sektenwesen"), 1994 als gemeinnützige Vereinigung nach französischem Recht laut Gesetz von 1901 gegründet, ist ein internationaler Dachverband von "Anti-Sekten-Organisationen" und umfaßt derzeit 44 Vereinigungen in 27 Ländern. Laut FECRIS handeln diese Organisationen "in Übereinstimmung mit gemeinsamen ethischen Grundsätzen, die vor allem durch politische, philosophische und religiöse Neutralität gekennzeichnet sind".

Bedeutende nationale Mitgliedsorganisationen im FECRIS-Dachverband sind u.a.:
  • UNADFI - Union Nationale des Associations de Défense des Familles et de l'Individuum (ADFI) (Frankreich), Vorsitzende: Cathérine Picard
  • CCMM - Centre de documentation, d'éducation et d'action Contre les Manipulations Mentales (Frankreich), Vorsitzender: Daniel Groscolas, Gründer: Roger Ikor
  • AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit e.V. (Deutschland), Vorsitzender: Ingo Heinemann
  • GSK - Gesellschaft gegen Sekten und Kult-Gefahren (Österreich), Vorsitzender: Friedrich Griess
  • FRI - Föreningen Rädda Individen (Schweden), Vorsitzende: Malin Stenval / Anne Edelstam
Präsident von FECRIS ist seit 22.05.2005 Friedrich Griess (Österreich), er trat die Nachfolge von Jean Nokin (Frankreich) an.

Die Organisation FECRIS findet hier Erwähnung, da mit starker Unterstützung und Lobbyarbeit von FECRIS/UNADFI die heutige UNADFI-Präsidentin Cathérine Picard als Abgeordnete der Sozialistischen Partei in der französischen Nationalversammlung eine der Hauptinitiatoren des sogenannten About-Picard-Gesetzes ("Anti-Sekten-Gesetz") ist, das neben den oben erwähnten freikirchlichen Gemeindeverbänden UAPM und FEM auch die nicht im Guyard-Report erwähnte, mit der pfingstkirchlichen ARCHE Hamburg-Stellingen (Pastor Wolfgang Wegert) befreundete Gemeinde Mission du Plein Evangile - La Porte Ouverte Chrétienne (MPE-POC) von Pastor Samuel Peterschmitt in Mülhausen (Mulhouse) in große Schwierigkeiten brachte ( "Berichte aus Frankreich").

Bei der Verabschiedung dieses Gesetzes im Mai 2001, das die Auflösung "religiöser" Vereinigungen unter Strafandrohung bei Zuwiderhandlung ermöglicht, wenn sie oder deren Leiter mindestens zweimal strafrechtlich verurteilt worden sind (was künftig z.B. auch möglich ist, wenn durch die Jugendarbeit einer christlichen Gemeinde Jugendliche zu Christen werden und dadurch "ihren Familien entfremdet werden") war übrigens nur ein geringer Bruchteil (ca. 3,5%) der Parlamentarier von Nationalversammlung und Senat anwesend. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat eine sofortige Untersuchung der Angelegenheit eingeleitet (Doc 8860 Religious Freedom and Religious Minorities in France); schließlich rügte der Europarat in seiner Resolution 1309 (2002) die Politik Frankreichs gegenüber religiösen Minderheiten und forderte von Frankreich eine Revision des About-Picard-Gesetzes.

Übrigens haben mehrere Medien darüber berichtet, daß Vertreter der chinesischen Staatsführung dieses Gesetz als Muster zum weiteren Vorgehen z.B. gegen die Falun-Gong-Bewegung in ihrem Land studieren.

Im Juni 2001, unmittelbar nach der Verabschiedung des Gesetzes in Frankreich, fand bei FECRIS eine Konferenz statt, bei der FECRIS seine Absicht erklärte, für eine dem französischen Gesetz entsprechende europaweite Regelung kämpfen zu wollen. FECRIS hält daran fest, daß das About-Picard-Gesetz "ein sehr wichtiges Gesetz im Bereich Kriminalität" sei. Ganze Gruppen von Glaubensgemeinschaften und religiösen Minderheiten, die klare, vom gesellschaftlichen Mainstream abweichende Überzeugungen und Lebensstile vertreten, werden nun dem Generalverdacht ausgesetzt, vorwiegend durch "mentale Manipulation" (auf diesen im ursprünglichen Gesetzentwurf verwendeten Begriff wurde zwar verzichtet, die dahinterstehende Sichtweise jedoch beibehalten) Menschen in den Gegensatz zum Mainstream gebracht und sie damit "der Gesellschaft und ihren Familien entfremdet" zu haben. FECRIS ist so weit gegangen, auf ihrer Website zu behaupten, daß "wichtige europäische und weltweite Organisationen wie die Europäische Kommission, das Europaparlament, der Europarat, die UNO, OSZE bis heute oft durch Kulte unterwandert" seien (vermutlich weil sie sich die FECRIS-Sichtweise nicht in der erhofften Weise zu eigen machen) - und beantragte, einen beratenden Status bei eben diesem Europarat zu erhalten.

Besonders aufschlußreich hinsichtlich der geistlichen Einordnung von FECRIS ist die Teilnahme von FECRIS an einem chinesischen Symposium über destruktive Kulte. Dies geschah bereits nach den Morden, Verprügelungen und Inhaftierungen hunderter Falun-Gong-Mitglieder in China. Diese Praxis wird noch heute geübt, nicht nur gegen Falun Gong, sondern auch gegen viele andere Gruppen, einschließlich Christen. Eine französische FECRIS-Mitgliedsgruppe übernahm auf ihre Website kritiklos die chinesische Propaganda gegen Falun Gong (Ein Vertreter dieser Gruppe besuchte auch das Symposium), trotz chinesischer Repressalien gegen diese religiösen Minderheiten. FECRIS hat dieses Problem niemals mißbilligt.

Einige FECRIS-Mitgliedsgruppen sind in der Vergangenheit in Entführungen und gewaltsame Festsetzungen von Menschen verwickelt gewesen und versuchten dabei, deren Glauben gewaltsam (durch Deprogrammierung) zu ändern. Eine Mitgliedsgruppe wurde sogar vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof für derartige Aktivitäten verurteilt.

[...]

Frankreich: Arbeitsgruppe MILS, Leiter: Alain Vivien

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Rücktritt Viviens nach unbefugter Weiterleitung staatlicher Gelder an CCMM, Auflösung der MILS und Neugründung der MIVILUDES durch Chirac

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Trotzdem und trotz der bekanntwerdenden Menschenrechtsverletzungen von FECRIS Verleihung des Leipziger Preises 2003 an Vivien. Griess sitzt im Preis-Komitee.

 Erklärung der Europäischen Evangelischen Allianz zum gesetzlichen Vorgehen gegen "Sekten" in Europa

Im Dezember 1995 wurden 16 Mitglieder des "Sonnentempelordens" tot aufgefunden. Diese Tragödie weckte unter Politikern in Europa eine Entschlossenheit, Maßnahmen gegen sogenannte "Sekten" zu ergreifen, damit etwas derartiges nicht noch einmal geschieht. Die Gemeinschaft der Evangelikalen teilt das Entsetzen der Politiker. Und in der Tat bleiben wir betroffen darüber, daß schwerer Mißbrauch innerhalb einiger extremer religiöser Gruppen weiterhin stattfinden mag. Allerdings stimmen wir sowohl mit dem Europäischen Parlament als auch mit der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in der Feststellung überein, daß ein spezifisches gesetzliches Vorgehen gegen "Sekten" sowohl unmöglich (da der Begriff "Sekte" nicht exakt definiert werden kann) als auch, vom Standpunkt der Menschenrechte aus betrachtet, potentiell gefährlich ist. Der Europarat kritisierte in seiner Resolution 1309 (2002) die Politik Frankreichs gegenüber religiösen Minderheiten und ersuchte Frankreich, sein sogenanntes "Anti-Sekten-Gesetz" noch einmal zu überdenken.

Artikel 9 der Europäischen Konvention der Menschenrechte faßt vernünftige Grundsätze in bezug auf Religionsfreiheit zusammen. Er besagt, daß jeder die Freiheit besitzt, seine Glaubensüberzeugungen zu ändern und zu bezeugen, privat oder in der Öffentlichkeit, als Einzelperson oder in Gemeinschaft mit anderen. Ferner besagt er, daß die Freiheit, seine Religion oder seine Glaubensüberzeugungen zu bezeugen, nur solchen Beschränkungen unterliegen soll, wie sie durch Gesetz vorgeschrieben und in einer demokratischen Gesellschaft im Interesse der öffentlichen Sicherheit und zum Schutz der öffentlichen Ordnung, Gesundheit oder Sitten oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer nötig sind. Dies legt religiösen Gruppen die Pflicht auf, sich angemessen zu verhalten. Der Artikel beschränkt ferner die Befugnisse Außenstehender darauf, nur dann einzugreifen, wenn es absolut notwendig ist.

Mißbrauch, sei es physischer, mentaler, emotionaler oder finanzieller Art, kann innerhalb religiöser Gemeinschaften stattfinden. Traurigerweise kann Mißbrauch stattfinden - und findet auch wirklich statt - in jeder anderen Art von Gruppe: In der Familie, in einer Jugendorganisation, in einer Firma, in einer politischen Partei. Die Gesellschaft muß danach trachten, die Wehrlosen durch angemessene Richtlinien und Gesetze zu schützen, die für alle gelten, nicht nur für religiöse Gruppen. Jegliche Untersuchung von Mißbrauchsfällen muß von unvoreingenommenen Fachleuten durchgeführt werden, die nach klaren juristischen Verfahren vorgehen, welche eine gründliche und faire Beweisaufnahme und -auswertung ermöglichen.

"Mentale Manipulation" ist eine potentielle Gefahr. Allerdings läßt sich dieser Begriff nicht klar definieren. So kann das kraftvolle Predigen einer Person oder ein von ihr im Rahmen eines seelsorgerlichen Gesprächs gegebener Rat von jemand anders als "mentale Manipulation" aufgefaßt werden. Alle Anstrengungen der Gesellschaft, Opfern dieses Phänomens zu helfen, müssen sehr strengen Regeln unterliegen, um sicherzustellen, daß ein Eingreifen nur dort stattfindet, wo es einen absoluten Nachweis für Mißbrauch gibt. Menschenrechtsexperten, das Europäische Parlament und der Europarat haben entschieden, daß die geltenden Gesetze, die die Arbeit sowohl der sozialen Einrichtungen als auch der Polizei regeln, für diese Fälle ausreichend sind. Eine spezifische Gesetzgebung ist nicht hilfreich.

Die Europäische Evangelische Allianz (EEA) vereint in sich eine große Vielfalt von Evangelikalen (Anglikaner, Baptisten, Angehörige der Brüdergemeinden, charismatisch Orientierte, Unabhängige, Lutheraner, Methodisten, Pfingstler usw.) durch ein Glaubensbekenntnis, das die Bekenntnisse der allgemeinen christlichen Kirche verteidigt und die Bibel als höchste Autorität proklamiert. Während wir die Theologie bestimmter als "Sekten" bezeichneter Gruppen entschieden ablehnen mögen, glauben wir, daß Religionsfreiheit ein Recht für alle sein muß, es sei denn, daß nachweislicher Mißbrauch stattfindet. Aus diesem Grund drängen wir die maßgeblichen Politiker, einer wie gut auch immer gemeinten "Sekten"-Gesetzgebung zu widerstehen, weil sie geeignet ist, die Religionsfreiheit in Gefahr zu bringen.

Julia Doxat-Purser, Beauftragte der Europäischen Evangelischen Allianz für Religionsfreiheit, Juni 2004.
Quelle: Europäische Evangelische Allianz (EEA)
Übersetzung: Torsten Narjes

 Der Umgang der Medien mit entschiedenen Christen im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 2004

Die Ausstrahlung des von den "OVAL-Filmemachern" Michaela Kirst, Robert Cibis und Lilian Franck produzierten Filmbeitrags "Kommt Europa in die Hölle?" (französisch: "L'Europe ira-t-elle en enfer?") im deutsch-französischen Kultur-Spartenkanal ARTE am 19. Oktober 2004 markierte einen neuerlichen Tiefpunkt der Berichterstattung über entschiedene Christen in den deutschen und europäischen Massenmedien.

[...]

Alle Vorurteile gegenüber Evangelikalen, die C. Picard ins Feld geführt hat, wie z.B. sie seien Instrument zur US-Unterwanderung des Alten Europas, werden neu aufgewärmt und erhalten eine öffentlichkeitswirksame Plattform.

[...]

Griess verteidigt ausdrücklich die restriktive Gesetzeslage hinsichtlich Bekehrung in Frankreich und Griechenland.

[...]

 Es geht auch anders

Daß deutsche Massenmedien auch anders - nämlich weitestgehend objektiv - über entschiedene Christen berichten können, beweist das in der Ausgabe 22/2005 der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienene Feature über die evangelikale Bewegung anläßlich des Evangelischen Kirchentags in Hannover, das von Matthias Oppermann verfaßt wurde und im folgenden wiedergegeben wird. Es enthält allerdings einige sachliche Unrichtigkeiten, die in den sich anschließenden Anmerkungen korrigiert werden.

Erweckung und Wiedergeburt (aus: DIE ZEIT, Ausgabe 22/2005)

In Deutschland gibt es 1,3 Millionen evangelikale Christen – konservative Protestanten, die die Bibel als oberste Autorität betrachten. Ihre Zahl wächst stetig, und sie suchen Einfluß auf die Politik

Wenn das entchristlichte Europa einen symbolischen Ort hat, dann liegt er in den Hochhaussiedlungen der Großstädte. Früher als anderswo sind die Menschen dort zu dem Schluß gekommen, daß sie Gott nicht brauchen oder aber daß Gott sich von ihnen abgewandt hat. Das Märkische Viertel in Berlin-Reinickendorf ist solch eine Betonwüste, in der sich ein 18-stöckiger Wohnblock an den anderen reiht. Hier, wo soziale Strukturen erodieren und Traditionen keine Macht mehr haben, hat sich kaum jemand die Bindung an eine der beiden großen Kirchen bewahrt. Eine wahrhaft gottlose Gegend, könnte man sagen. Hier müssen es Christen schwer haben.

Wie ist es da zu erklären, daß die evangelische Apostel-Petrus-Gemeinde, deren häßlicher Flachdachbau sich nahtlos in die Architektur des Stadtteils einfügt, neue Mitglieder hinzugewinnt? Wie kann es sein, daß ihre Gottesdienste jeden Sonntag von etwa 250 Gläubigen besucht werden? "Am Schlagzeug in der Kirche liegt es nicht", sagt Swen Schönheit, einer der beiden Pfarrer der Gemeinde. Die Inhalte seien es. Ohne sie wäre die Gemeinde nur ein gewöhnliches Mitglied der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz. Tatsächlich gehört sie dem evangelikalen Zweig des Protestantismus an. Benutzen möchte Schönheit das Wort "evangelikal" für seine Gemeinde freilich nicht. Es klingt in seinen Ohren nach Bush und der "religiösen Rechten" in den Vereinigten Staaten. Evangelikal bleibt die Gemeinde trotzdem. Das räumt er ein.

Homosexualität als Unfall der Schöpfung – oder psychische Störung

In Deutschland ist der Begriff seit den sechziger Jahren als Rückübersetzung des amerikanischen "evangelical" für theologisch konservative Protestanten gebräuchlich – als Sammelbegriff, versteht sich, denn die Unterschiede im Einzelnen sind erheblich. Evangelikale betrachten die Bibel als oberste Autorität für Leben und Glauben, als Letztbegründung, die nicht durch die Kritik der liberalen Theologie verwässert werden soll. Sie glauben an die Wiedergeburt durch Jesus Christus. Und sie stellen die persönliche Beziehung zu ihm in den Mittelpunkt dieses Lebens. Das hat auch Konsequenzen für die äußeren Formen. Kirchliche Traditionen spielen für Evangelikale kaum eine Rolle, sie suchen nach neuen Arten der Vermittlung. Daher das Schlagzeug.

Aber eine Gitarre tut es auch, wie sich am Pfingstsonntag zeigt. Der Gottesdienst im schmucklosen Saal der Apostel-Petrus-Gemeinde, der an die Aula einer Grundschule erinnert, ist lebhaft, die Stimmung eher freudig erregt als feierlich. Traditionelle Kirchenlieder und Sakro-Pop wechseln einander ab. Während die Gemeinde darauf hofft, vom Heiligen Geist erfüllt zu werden, spielt ein junger Mann moderne Lieder auf der Gitarre, von der Liebe Christi, der Hoffnung auf seine Nähe und seinen Frieden. Alle singen mit. Manche stehen auf und erheben die geöffneten Hände, um den Heiligen Geist zu empfangen.

Unter dem modernen Äußeren verbergen sich feste Grundsätze. Die meisten Evangelikalen sind Kreationisten, sie halten am Wortlaut der Schöpfungslehre fest und leugnen die biologische Evolution. Homosexualität wird im Allgemeinen als Unfall der Schöpfung oder als psychische Störung angesehen. Ihre Vorstellungen von Moral, Lebensschutz und Bioethik unterscheiden sich kaum von denen des Vatikans. So sind sie in einem Dilemma: Einerseits haben sie genug reformatorisches Feuer – ins Negative gewendet, könnte man von Antipapismus sprechen –, um angesichts der Traditionen und Lehren des Katholizismus zu schaudern. Andererseits finden sie in Rom einen Verbündeten.

Etwa 1,3 Millionen evangelikale Christen gibt es in Deutschland, davon 600000 in den evangelischen Landeskirchen, der Rest in verschiedenen Freikirchen. Drei Hauptgruppen lassen sich unterscheiden: die Allianz-Evangelikalen, die charismatischen Evangelikalen beziehungsweise Pfingstler und die Bekenntnisevangelikalen. Die erste Gruppe bildet die Mehrheit und wird durch die Evangelische Allianz in Deutschland vertreten, die Teil eines 1846 in London gegründeten, weltweiten Bruderbundes ist. Mit der Nachrichtenagentur idea verfügt die Allianz über ein journalistisches Sprachrohr.

Natürlich verzeichnen die Evangelikalen in Deutschland nicht ein ähnlich stürmisches Wachstum wie in Lateinamerika oder in Afrika. Aber sie bleiben zumindest von dem Exodus verschont, der die beiden großen Kirchen ausbluten läßt. Die evangelikalen Gemeinden in den Landeskirchen und die Freikirchen können sogar auf ein bescheidenes Wachstum verweisen. In Bremen beispielsweise zählen die fünf evangelikal geprägten Gemeinden mehr Gottesdienstbesucher als alle anderen zusammen. Die Freikirchen haben in Deutschland sogar ein jährliches Mitgliederwachstum von zwei bis drei Prozent, woran die Pfingstler den größten Anteil haben. Die Arche-Gemeinde in Hamburg, die dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden angehört, läßt gerade eine neue "Glaubenshalle" mit 2000 Plätzen bauen. Der alte Saal bietet nur 500 Menschen Raum – die meisten Gemeinden wären froh, einen solchen Raum wenigstens gelegentlich füllen zu können. Auch in der EKD gibt es schon einen charismatischen Arbeitskreis, die Geistliche Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche, die auf die Erweckung und christliche Wiedergeburt Deutschlands hofft.

Wiedergeburt – das bedeutet hier, den Heiligen Geist empfangen zu haben. "Irgendwann macht es klick", sagt Andreas Mertin, Jugendpfarrer in der Arche-Gemeinde. Er selbst sei 15 Jahre alt gewesen, als er sich entschieden habe: "Mein Leben soll Jesus gehören."

Der Erfolg der Evangelikalen liegt zum Teil in ihrem entschiedenen Bekenntnis zur Mission als einer der wichtigsten Aufgaben des Christentums. Christen hätten eine "Bringschuld", sagt Pastor Swen Schönheit, sie sollten Heiden und Atheisten mit dem Evangelium bekannt machen. Dazu bietet seine Gemeinde seit 1997 sogenannte Alpha-Kurse an, Glaubenskurse, die an der Holy Trinity Brompton Church in London entwickelt wurden – ein "niederschwelliges Angebot" für Menschen, die zuvor kaum etwas vom Christentum gehört haben. In Berlin ist das fast die Regel. Nur noch 40 Prozent der Einwohner gehören nach Angaben des Statistischen Landesamts einer Religionsgemeinschaft an.

Wer im Alpha-Kursus auf den Geschmack gekommen ist, wird ermuntert, sich einem Hausbibelkreis anzuschließen. Alle Kreise werden von Laien geleitet. "Im Zentrum der Gemeinde steht nicht der Pfarrer", sagt Schönheit, "sondern Jesus Christus." Der Pfarrer solle nur der "Trainer der Gläubigen" sein. Wird ein Kreis zu groß, wird er geteilt. "Zellteilung" nennt Schönheit das. So wächst das Netzwerk.

Abkehr von Martin Luthers "Zwei-Reiche-Lehre"

Schon gibt es übergeordnete Bündnisse. Die Initiative "Gemeinsam für Berlin" besteht aus Vertretern landeskirchlicher und freikirchlicher Gemeinden, die sich von Christus beauftragt fühlen, "den Menschen dieser Stadt seine Liebe zu bezeugen". Pastor Schönheit ist dort zweiter Vorsitzender. Axel Nehlsen, Geschäftsführer der Initiative, landeskirchlicher Pfarrer und Mitglied der Evangelischen Allianz Berlin, sagt: "Der Anlaß für die Gründung war das Leiden an dieser Stadt." Es gehe um Remissionierung, darum, das Evangelium in alle Winkel des Lebens zu tragen, aber auch darum, evangelikale Christen an ihre gesellschaftspolitische Verantwortung zu erinnern. Die Politik soll nicht länger den progressiven Protestanten überlassen bleiben.

Das ist natürlich nur ein vorsichtiger Schritt. Aber es gibt andere Initiativen, die den Evangelikalen mehr politischen Einfluß verschaffen. So wird in etwa zwei Wochen bereits zum zehnten Mal die Internationale Berliner Begegnung stattfinden, die im Kleinen dem jährlichen Nationalen Gebetsfrühstück in Amerika entspricht. Wie in Washington wollen auch in Berlin Kirchenvertreter unmittelbar auf Politiker einwirken. Damit lösen sich die deutschen Evangelikalen von Luthers Zwei-Reiche-Lehre, die politische Zurückhaltung nahe legt. Von einem Einfluß, wie er in Amerika zu verzeichnen ist, sind sie aber noch weit entfernt.

Diskret ist das evangelikale Christentum nicht. Es gefällt nicht jedem. Nicht nur Liberale, auch Traditionalisten dürften ihre Schwierigkeiten damit haben. Die Geringschätzung kirchlicher und philosophischer Traditionen bringt unweigerlich eine gewisse Verarmung des Denkens mit sich. Ernst zu nehmen sind sie dennoch.

Hartmut Steeb, der Generalsekretär der Evangelischen Allianz in Deutschland, hält es zumindest für möglich, daß von landes- und freikirchlichen Evangelikalen langfristig eine Rechristianisierung Deutschlands ausgehen könnte.

Quelle: DIE ZEIT, Ausgabe 22/2005

Anmerkungen: Diverse. In Arbeit.
Torsten Narjes, Hamburg


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